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Realität ist eine Entscheidung
Speisekarte vom 05.02.01

(Vgl. John Gribbin: Auf der Suche nach Schrödingers Katze,
Quantenphysik und Wirklichkeit, München  Zürich 1996)


 

Welle und Teilchen:
Möglichkeit und Realität

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde entdeckt, dass für die zutreffende Beschreibung von Licht, sowohl die Eigenschaften von Wellen, als auch die Eigenschaften von Teilchen herangezogen werden müssen. Die Welle (Frequenz) erklärte z.B. die verschiedenen Farbspektren des Lichts;  das Teilchen (Photon) wurde notwendig um gewisse Interaktionen zwischen Strahlung und Elektronen zu erklären, vergleichbar dem Zusammenprall von Billardkugeln.

In der Folgezeit wurden die Zusammenhänge jedoch immer verwirrender, und entfernten sich immer weiter vom "gesunden Menschenverstand". Das Doppelspalt-Experiment zeigt dies am deutlichsten: Man nehme eine Mauer mit zwei dünnen senkrechten Schlitzen, und stelle sich vor, dass diese Mauer, quasi wie eine Kaimauer von Wasser umspült sei. Was passiert nun, wenn ich einen Stein auf der einen Seite der Mauer ins Wasser werfe ? Das Wasser bildet konzentrische Wellen um den "Einschlagsort" des Steines. Diese Wellen durchdringen die Mauer nur an den beiden Schlitzen. Sie treten auf der anderen Seite der Mauer ebenfalls als konzentrische Wellen aus, als hätte man nun zwei Steine gleichzeitig ins Wasser geworfen. Diese Wellen verlaufen genau im Gleichtakt und bilden an den Orten, wo sie sich treffen, Verstärkungen (die Wellen addieren sich) oder sie  heben sich auf, dort wo Wellenberg und Wellental zusammentreffen.

Dieses Phänomen nennt sich Interferenz, und lässt sich genau so bei Licht im Doppelspalt Experiment beobachten, wenn man Licht durch einen Doppelspalt auf einen Projektionsschirm wirft.
Wenn man davon ausging , dass Licht eine Welle sei, war soweit alles kein Problem.

Wie konnte man aber die Teilchennatur des Lichts mit diesen Beobachtungen in Einklang bringen ? Sicher, zuerst denkt man eben an ein Teilchen, dass vielleicht in Wellenbahnen sich vorwärts  bewegt, und durch seine Geschwindigkeit den Eindruck einer Welle hervorruft. Aber Teilchen ist Teilchen, will sagen, hat einen genauen Ort, eine genaue Geschwindigkeit usw. D.h. man müsste messen können, wann welches dieser Lichtteilchen durch welchen der beiden Spalten fliegt. Aber egal welche Versuchsanordnung man sich ausdachte: in dem Moment wo man Teilchen maß , verschwand die Interferenz wie von Geisterhand und das Licht bestand nur noch aus Teilchen, die wie aus einem Maschinengewehr geschossen durch die beiden Spalten flogen, und keinerlei Interferenz bildeten, von Wellen plötzlich keine Spur mehr!

Es stellte sich im Verlaufe der Zeit im klarer heraus: Man kann nur eine Eigenschaft genau messen, alle weiteren unterliegen der sogenannten Unschärfe. Gleichzeitig zeigte sich aber auch, dass der Beobachter selbst zum Teil des Szenarios wird: Erst das was ich betrachte wird real !
Das Licht bleibt eine Welle solange, bis ich eine konkrete Möglichkeit, nämlich ein Teilchen, herausgreife und betrachte. Dann verlieren die anderen Möglichkeiten ihre Realität. Die Wellennatur des Lichts trägt also so etwas wie eine statistische Möglichkeitsverteilung (oder: viele Welten / Realitäten) in sich.  Genau das Gleiche trifft für die Welle des radioaktiven Verfalls zu. Ich kann nicht vorhersagen, wann ein Verfall stattfindet, genauso wenig, wie ich vorhersagen kann, wann ein Photon durch welchen Spalt fliegen wird. Ich kann nur sagen, dass eine mehr oder weniger hohe Wahrscheinlichkeit für einen Verfall besteht. Ob der Verfall stattgefunden hat, oder nicht, muss ich messen (betrachten), und dadurch in die Realität heben.
Erwin Schrödinger, ein österreichischer Physiker, verdeutlichte diesen Sachverhalt mit dem Bild einer Katze in einem Kasten. Eine Ampulle mit Gift ist verbunden mit einem Geigerzähler, der in dem Moment, wo ein Zerfall stattfindet, einen Mechanismus auslöst, der die Ampulle zerstört und dadurch die Katze tötet. Ich kann nun in keiner Weise eine Aussage darüber machen, ob die Katze lebt, oder bereits gestorben ist, solange ich nicht in den Kasten hinein schaue. Erst dann erlöse ich die Katze aus ihrem statistischen Dämmerschlaf. Solange ich nicht hinein schaue in den Kasten, bleibt die Katze eine statistische Wahrscheinlichkeits-Welle, oder sie ist tatsächlich gleichzeitig tot und gleichzeitig lebendig, eben in verschiedenen Welten, aus denen ich eine Welt herausgreife durch die Beobachtung, und zu dem mache was wir Realität nennen.

Denkbar sind also zahlreiche weitere Welten, die in jedem Augenblick des Universums entstehen und auch fortbestehen, die wir als Beobachter nur nicht ausgewählt haben, so dass das, was wir als Realität bezeichnen das Produkt ständiger Entscheidungen zwischen verschiedenen Welten-Möglichkeiten darstellt.  Betrachte ich z.B. einen Stern, ist schon aus Möglichkeit Realität geworden ! Wobei die einmalige Betrachtung ausreicht um diese Realität zu begründen.

Realität heißt dabei eben: die Realität des Universums, die wir wahrnehmen. Erst wir konkretisieren durch die Betrachtung die Gestalt und Definition (= Begrenzung) verschiedenster Stern-Möglichkeiten. Die Vergangenheit ist definiert, eindeutig, herausgeläutert aus dem Ozean der Weltenmöglichkeiten. Alles was wir um uns wissen, ist in diesem Sinne Vergangenheit, hat sich bereits für eine definierte Daseinsmöglichkeit entschieden.

Der Mensch als Betrachter:
Sinn statt Statistik

Jetzt könnte man fragen, wie fing denn alles an, wie kam es denn dazu, dass aus dem Meer von statistischen Möglichkeiten heraus, gerade die Optionen letztlich zu unserem Realitäts-Inventar geworden sind, die uns umgeben ? Weil alles zufällig so gekommen ist ? Weil alles statistisch so am ehesten hätte kommen müssen ?
Menschliches Betrachten funktioniert entsprechend gewissen Gesetzmäßigkeiten, die mit Statistik, oder Zufall nichts zu tun haben. Wenn wir das Meer betrachten, sehen wir auch die Wellen und die Tropfen; betrachten wir die Wüste, sehen wir die Dünen und das Sandkorn. Was also tun wir ?
Wir geben Namen für Dinge, die für uns einen Sinnzusammenhang bilden. Wir lösen diese Dinge durchaus aus einem Gesamtzusammenhang (aus einem Meer von Möglichkeiten) heraus. Diese Teilchen, die wir da herausgelöst haben, sind jedoch herausgelöst durch ihren Sinn.
Menschliches Betrachten bedeutet also Namen zu geben, Sinn zu geben und dadurch "Teilchen" herauszulösen.

Natürlich lösen wir nicht ständig Teilchen aus Gesamtzusammenhängen. Manchmal betrachten wir auch Gesamtzusammenhänge, also die Wellen, die alles verbinden. Eben dann, wenn wir nicht nach dem  Sinn fragen. Wir treten dann aus der Analysis heraus und werden selbst zum Teilchen, "lassen los" und übergeben uns dem Strudel der Möglichkeiten. In uns Menschen existiert also offenbar bereits diese Wellen / Teilchen Dualität gegeben durch Gefühl (= Verbundenheit) und Verstand (= Differenzieren)

Wenn die Realitäten unseres Universums sich durch unsere menschliche Art der Betrachtung herausgeformt haben, dann müssen wir zu der Aussage kommen, dass Teilchen Realität und Sinn tragen.

Das Wort verbindet Welle und Teilchen:
Der Sinn ist in den Dingen

Goethe schreibt in seinem Faust:

Geschrieben steht: "Im Anfang war das Wort!"
Hier stock ich schon ! Wer hilft mir weiter fort ?
Ich kann das Wort so hoch unmöglich schätzen,
Ich muss es anders übersetzen,
Wenn ich vom Geiste recht erleuchtet bin.
Geschrieben steht: Im Anfang war der Sinn.
Bedenke wohl die erste Zeile,
Dass Deine Feder sich nicht übereile !
Ist es der Sinn der alles wirkt und schafft ?
Es sollte stehn: Im Anfang war die Kraft !
Doch auch indem ich dieses niederschreibe,
Schon warnt mich was, dass ich dabei nicht bleibe.
Mir hilft der Geist ! auf einmal seh ich Rat
Und schreibe getrost: Im Anfang war die Tat !

Es ist in der Tat ein eigenartiger Urbeginn, der da mit einem Wort anfängt !
Man hätte sich Gott ja auch als einen Handwerker vorstellen können, der die
Welt Stück für Stück zusammenbaut, so wie dies hier von Goethe gefordert
wird.
Aber recht betrachtet steckt doch alles  in diesem Welten Wort. Das Wort
wird zur Welle, zum Gesang, zum Schöpfungsklang, wenn ich nicht nach dem
Sinn frage, sondern mich ganz dem Klang hingebe. Dann habe ich die
Schwingung, den Tanz der Elemente, dann offenbart sich mir der Sinn, der in
allem steckt, den alles gemeinsam teilt, ohne, dass ich beginne etwas
herauszulösen.
Für die Kabbalisten war dies der Name Gottes. Der Name, der sich ergibt,
wenn ich alle Wörter der Thora ungetrennt belasse, oder künstlich trenne,
also nicht nach dem Sinn frage.
Im Aum der Yoga Meditation schwingt ebenfalls diese bedeutungslose
Urschwingung mit, in der doch alle Bedeutungen enthalten sind.

Nehme ich das Wort nicht als Schwingung, als Gesang, sondern als Namen von
seinem Inhalt her, so zeigt es mir den Schöpfungsakt, in dem Gott zugleich
auch als Betrachter auftritt:

Gott sprach: Es werde Licht.
Und es wurde Licht.
Gott sah, dass das Licht gut war.

Umgekehrt beim Menschen:

Gott der Herr formte aus dem Ackerboden alle Tiere des Feldes und alle Vögel
des Himmels und führte sie dem Menschen zu, um zu sehen, wie er sie benennen
würde. Und wie der Mensch jedes lebendige Wesen benannte, so sollte es
heißen. (Gen 2: 19)

Der Mensch gibt hier also Namen, er gibt aber Namen für "Teilchen" denen der
Sinn bereits innewohnt (denn die Tiere sind ja bereits als Tiere erschaffen!).

Demnach wäre unsere Realität, eine von uns als Betrachter gewählte Realität
aus verschiedensten Quantenmöglichkeiten, wobei wir die Möglichkeiten gewählt haben, die Sinn enthalten.

 

 

 

 

 

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